Sie beschreiben das europäische EdTech-Ökosystem als Zusammenspiel unterschiedlichster Akteurinnen und Akteure. Welche Rolle sollten öffentliche Bildungsinstitutionen dabei künftig übernehmen?

Die verschiedenen Akteurinnen und Akteure haben unterschiedliche Ziele, Motivationen und Bedürfnisse. Diese vielfältigen Interessen sind jedoch kein Fehler, sondern ein integraler Bestandteil des Ökosystems. Die öffentliche Hand kann hier eine wichtige koordinierende Rolle übernehmen. Ihre Aufgabe ist es, pädagogische Ziele und das öffentliche Interesse klar zu definieren, verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen und Räume zu organisieren, in denen die unterschiedlichen Akteurinnen und Akteure frühzeitig einen strukturierten Dialog führen können.

Verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen bedeutet ausserdem, EdTech-Anbieter transparent aufzuzeigen, wie und unter welchen Voraussetzungen ihre Lösungen in Schulen eingesetzt werden können. Ein interessantes Beispiel dafür ist der neu eingeführte Marktplatz Lernapps, begleitet von Österreichs Agentur für Bildung und Internationalisierung (OeAD). Über diese kuratierte Plattform können Schulen digitale Lernangebote beziehen, die zuvor geprüft und in der Schulpraxis erprobt wurden. Ein solches System erleichtert Schulen einerseits den Zugang zu geeigneten und geprüften Angeboten und eröffnet es EdTech-Anbieter andererseits einen klareren Weg in den Bildungsmarkt. Die öffentliche Hand übernimmt damit nicht selbst die Entwicklung der Lösungen, gestaltet aber die Bedingungen, unter denen pädagogisch sinnvolle Innovationen ihren Weg in die Schulen finden können.

Sie nennen Vertrauen als eine zentrale Voraussetzung für ein funktionierendes Ed-Tech-Ökosystem. Woraus entsteht dieses Vertrauen? Welche Verantwortung tragen in diesem Zusammenhang EdTech-Unternehmen und Bildungseinrichtungen?

Vielleicht sollten wir die Frage umdrehen: Warum herrscht zwischen den verschiedenen Akteurinnen und Akteuren im Bildungsbereich überhaupt Misstrauen? Ein wesentlicher Grund hierfür sind die unterschiedlichen Systemlogiken, nach denen die beteiligten Akteurinnen und Akteure handeln. Die pädagogische Logik der Bildungseinrichtungen orientiert sich an Lernprozessen, den Bedürfnissen der Lernenden und der schulischen Praxis. Die Marktlogik von EdTech-Unternehmen wiederum richtet den Blick auf Innovation, Skalierung und Wettbewerbsfähigkeit. Wenn diese Logiken und die betreffenden Interessen unreflektiert aufeinandertreffen, entstehen schnell Missverständnisse, obwohl die Beteiligten viele ähnliche Ziele verfolgen.

Umso wichtiger ist es, einen kontinuierlichen und strukturierten Austausch mit klaren Spielregeln zwischen den verschiedenen Akteurinnen und Akteuren zu ermöglichen, in dem alle Systemlogiken bewusst zusammengedacht werden. Erst wenn diese Perspektiven gemeinsam betrachtet werden, können tragfähige Lösungen und gegenseitiges Vertrauen entstehen.

Genau an diesem Thema arbeiten wir bei der European EdTech Alliance derzeit mit dem EdTech Policy Lab. In diesem Projekt analysieren wir den Dialog zwischen Politik, Bildungsverwaltung und digitaler Bildungswirtschaft in Deutschland. Ziel ist es, die Beziehungen zwischen diesen Sektoren der Bildung besser zu verstehen und zu stärken. Zu diesem Zweck haben wir verschiedene Dialogräume in Deutschland und in anderen europäischen Ländern untersucht und nach übertragbaren Faktoren gesucht, die einen wirksamen Austausch begünstigen.

Antonia Clary

Viele Innovationen entstehen heute an der Schnittstelle zwischen öffentlichem Bildungswesen und privaten Anbietern. Welche Formen der Zusammenarbeit haben sich in Europa besonders bewährt, um pädagogische Ziele und Innovationsdynamik miteinander zu verbinden?

Es gibt nicht den einen Weg, aber viele erfolgreiche Kooperationsmodelle sind organisch aus ihrem jeweiligen Kontext heraus entstanden. Dennoch sehen wir in unserer Analyse für das EdTech Policy Lab wiederkehrende Strukturen und Erfolgsfaktoren. Hier sind ein paar Formen der Zusammenarbeit:

  • Fachbeiräte bringen unterschiedliche Perspektiven gezielt in politische und administrative Entscheidungen ein. Ein Beispiel ist der Landesbeirat Digitalisierung in Berlin. Seine Mitglieder beraten zum Thema Digitalisierung in Schulen, ermöglichen Wissenstransfer und wirken an Leitlinien und Umsetzungskonzepten mit. So fliessen Erfahrungen aus Schulpraxis, Wissenschaft und Verwaltung strukturiert in politische Entscheidungen ein.
  • Cluster wie der EduTech Cluster in Spanien vernetzen Unternehmen, Bildungseinrichtungen, Hochschulen, Verbände und öffentliche Stellen. Sie fördern den Austausch, initiieren gemeinsame Projekte und formen aus einzelnen Akteurinnen und Akteuren ein handlungsfähiges Netzwerk. So erkennen sie Bedürfnisse aus der Praxis früher und entwickeln Innovationen gemeinsam weiter.
  • Innovationsökosysteme verbinden Zusammenarbeit direkt mit Entwicklung und Erprobung. Der Helsinki Education Hub bringt EdTech-Start-ups, Schulen, Lehrkräfte, Lernende und Forschende zusammen. Gemeinsam entwickeln sie forschungsbasierte digitale Lösungen und testen sie in realen Bildungskontexten. Pädagogische Expertise, wissenschaftliche Evidenz und unternehmerische Innovationskraft treffen so früh aufeinander, nicht erst beim fertigen Produkt.
  • Auch Fachagenturen wie Educa in der Schweiz zählen dazu. Solche intermediären Organisationen übersetzen zwischen den Systemlogiken, bündeln Wissen, schaffen gemeinsame Grundlagen für politische Entscheidungen und organisieren den Dialog langfristig.

Der europäische EdTech-Markt entwickelt sich mit hoher Geschwindigkeit. Wie können Bildungsinstitutionen offen für Innovation bleiben, ohne dabei ihre eigenen Werte, ihren Bildungsauftrag und ihre strategische Handlungsfähigkeit aus den Augen zu verlieren?

Innovationsbereite Bildungsinstitutionen setzen neue Technologien gezielt und kritisch ein. Sie handeln flexibel, evidenzbasiert und im Einklang mit ihrem Bildungsauftrag. Das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler steht im Zentrum. Dafür braucht es einen ganzheitlichen Ansatz. Zunächst brauchen Schulen eine pädagogisch begründete digitale Vision: Welche Ziele wollen wir erreichen? Welche Bedürfnisse bestehen? Welchen Beitrag leistet Technologie? Eine solche Vision hilft Schulen, Angebote an ihren Werten und Prioritäten zu messen, statt ihre Strategie an verfügbaren Produkten auszurichten.

Ebenso wichtig sind qualifizierte Lehrpersonen, geeignete digitale Inhalte und Evidenz, die sich im Schulalltag für Entscheidungen nutzen lässt. Der Markt bietet viele digitale Lösungen. Lehrpersonen haben jedoch wenig Zeit, sie zu prüfen, begrenzte Budgets und Unsicherheiten bei der sinnvollen und sicheren Nutzung, vor allem bei KI. Schulen bezahlen teils für Lösungen, die kaum genutzt werden. Innovationsfähigkeit heisst daher: den Nutzen einer Technologie vor dem Kauf prüfen, die Einführung begleiten, Nutzung und Wirkung regelmässig reflektieren.

Dafür müssen Schulen flexible Rahmenbedingungen schaffen, die Handlungsfähigkeit der Lehrpersonen stärken und Verantwortung teilen. Unser Bericht zum Status quo des europäischen EdTech-Ökosystems versammelt Ansätze aus ganz Europa. In der Schweiz unterstützen die PICTS, die wir an der Fachtagung kennengelernt haben, Schulen dabei, digitale Technologien pädagogisch sinnvoll in den Unterricht zu integrieren. In Flandern teilen breiter aufgestellte ICT-Teams die Verantwortung: Neben der ICT-Koordination übernehmen weitere Kolleginnen und Kollegen technische, pädagogische und administrative Aufgaben. Das entlastet Einzelpersonen, vereint Kompetenzen und stärkt die gemeinsame Verantwortung. Zudem können diese Teams Fortbildungspläne entwickeln, die sich am Bedarf der Lehrpersonen orientieren.

«  Es braucht einen kontinuierlichen und strukturierten Austausch mit klaren Spielregeln zwischen den verschiedenen Akteurinnen und Akteuren, in dem alle Systemlogiken bewusst zusammengedacht werden.  »

Ein Spannungsfeld von EdTech in der Bildung ist, dass die Geschäftsmodelle häufig nicht mit den Anforderungen wie beispielsweise dem Schutz der Integrität von Kindern und Jugendlichen, Inklusion und Nachhaltigkeit übereinstimmen. Welche Entwicklungen sehen Sie in diesem Bereich?

Zunächst eine Differenzierung: Geschäftsmodelle von EdTech-Unternehmen widersprechen pädagogischen und gesellschaftlichen Anforderungen nicht grundsätzlich. Wirtschaftlich tragfähige Modelle braucht es, damit gute Lösungen entstehen. Zielkonflikte entstehen, wenn Anreize wie intensive Nutzung, grosse Datenmengen oder Anbieterbindung den Schutz von Kindern und Jugendlichen, Inklusion und Nachhaltigkeit gefährden. KI, mehr Personendaten und grosse Plattformanbieter verschärfen dieses Spannungsfeld. Welche Daten werden wozu verarbeitet? Reproduzieren Systeme Benachteiligungen? Können Schulen ihre Daten problemlos zu einem anderen Anbieter übertragen?

Hilfreich wäre ein europäischer «Entwicklerleitfaden für EdTech» nach dem Vorbild des US-Bildungsministeriums. Er soll zeigen, was bei Entwicklung, Erprobung und Skalierung zu beachten ist. Zudem könnte er die europäischen Bildungssysteme erklären: Wer trägt Verantwortung? Wie laufen Beschaffungsprozesse ab? Wie gelingt Ko-Kreation mit Schulen, Lehrpersonen und Lernenden? Beschaffung und Förderung sollten pädagogische Qualität, Datenschutz, Inklusion, Interoperabilität und Nachhaltigkeit stärker gewichten. Knüpft man öffentliche Mittel an klare Kriterien, entstehen Anreize für verantwortungsvolle Geschäftsmodelle. Schulen brauchen dafür Kompetenzen, Zeit und Ressourcen.

Wirtschaft und Pädagogik sind keine Gegensätze. Wir sollten Rahmenbedingungen schaffen, die Schutz und Wohlergehen der Lernenden von Anfang an in Produkt und Geschäftsmodell verankern.

Das neue Educa Dossier

Begleitend zu unserer Fachtagung haben wir unser neues Dossier «Schule mit EdTech entwickeln» veröffentlicht. Die verschiedenen Kapitel beleuchten die vielfältigen Facetten des Themenfelds EdTech. Dabei werden die Rolle des Individuums und anderer Akteure, die Dynamiken des Schweizer EdTech-Markts sowie das Spannungsfeld zwischen den Werten und Vorgaben der öffentlich-rechtlichen Bildung und dem wirtschaftlichen und organisatorischen Ökosystem rund um Technologien beleuchtet. Wir zeigen auf, mit welchen Handlungsansätzen Innovation in einem digitalen Bildungsraum entstehen kann, die den Werten und Vorgaben des öffentlich-rechtlichen Bildungssystems entspricht.