Innovation in einem digitalen Bildungsraum wird von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst, wie gesetzlichen Rahmenbedingungen, Zusammenarbeit und Kooperationen, der Marktnachfrage, Investitionen in Forschung und Entwicklung, gesellschaftlichen Herausforderungen sowie neuen Technologien. In diesem Beitrag wird der Frage nachgegangen, welche Handlungsansätze für das schweizerische Bildungssystem geeignet sind, damit Innovation in einem digitalen Bildungsraum entsteht, die den Werten und Vorgaben des öffentlich-rechtlichen Bildungssystems entspricht.

Zunächst wird das Spannungsfeld zwischen den Werten und Vorgaben der öffentlich-rechtlichen Bildung und dem wirtschaftlichen und organisatorischen Ökosystem rund um Technologien erläutert. Anschliessend werden neue Governance-Formen, Rahmenbedingungen und Infrastrukturelemente als mögliche Handlungsansätze für systemische Innovation vorgestellt. Innovative Beschaffungsinstrumente ergänzen diese als weiteren Hebel. Das Zusammenwirken dieser Handlungsansätze stellt einen möglichen Ausgangspunkt für das öffentlich-rechtliche Bildungssystem dar, damit systemische Innovation entsteht, die den Werten und Vorgaben der Bildung entspricht und im Interesse der Lernenden steht.

Werte und Vorgaben des Schweizer Bildungssystems

Das Schweizer Bildungssystem basiert auf grundlegenden Werten wie dem Schutz der Integrität von Lernenden, Inklusion und Nachhaltigkeit. Diese prägen die Gestaltung von Bildungsprozessen sowie die zwischenmenschlichen Interaktionen zwischen Lernenden, Lehrpersonen und Mitarbeitenden von Bildungseinrichtungen. Der Schutz und Respekt der Integrität von Lernenden ist ein zentraler Bestandteil der Ausbildung von Lehrpersonen, des Berufsethos und der Schulkultur. Lehrpersonen entscheiden bewusst, welche Informationen über Lernende dokumentiert, in ein Zeugnis aufgenommen oder mit Schulleitungen und Betreuungspersonen geteilt werden. Auch Übergänge innerhalb des Bildungssystems verdeutlichen diesen Grundsatz. Wechseln Kinder und Jugendliche die Schule, wird nicht ihre gesamte bisherige Bildungsbiografie automatisch weitergegeben. Auch Bildungsverwaltungen erhalten nur Zugriff auf jene Daten, die sie zur Erfüllung ihrer Aufgaben benötigen. Nachhaltigkeit und Inklusion prägen nicht nur Lehrpläne, sondern institutionelle Entscheidungen; beispielsweise bei der Gestaltung von Schulräumen, der Beschaffung von Ressourcen oder der Entwicklung nachhaltiger Schulkonzepte. Für öffentlich-rechtliche Akteure und Lernende sind diese Werte handlungsleitend. Die Herausforderung besteht darin, dass diese Werte auch Teil eines digitalen Bildungsraum werden oder sogar als Grundlage für systemische Innovation dienen.

Spannungsfeld zwischen Werten der Bildung und Ökosystemen rund um Technologien

Mit dem Einsatz digitaler Technologien im Bildungssystem werden private Akteure als Teil eines wirtschaftlichen und organisatorischen Ökosystems rund um Technologien zunehmend Teil von Bildungsprozessen. Das heisst: Das Bildungssystem delegiert einen Teil seines Bildungsauftrags. In dem private Akteure diese Rolle übernehmen, sind sie gefordert, diese Rolle basierend auf den Werten des Bildungssystems auszuführen. Sie stellen dabei nicht nur Technologien in Form von Applikationen zur Verfügung, sondern prägen indirekt zwischenmenschliche Interaktionen und institutionelle Strukturen. Während Informationen über Lernende beispielsweise früher hauptsächlich im Kopf von Lehrpersonen gespeichert waren, sind heute Technologien in diese Interaktion eingebunden, sowie auch in die Interaktionen zwischen Lernenden. Dabei entsteht eine Vielzahl von Daten, welche mehrfach für unterschiedliche Zwecke genutzt werden können. Diese Daten bieten neue Möglichkeiten, wie beispielsweise für personalisierte Lernprozesse oder die Zusammenarbeit zwischen Lernenden, Lehrpersonen und Bildungsverwaltung. Über den Gebrauch von Daten zu Bildungszwecken hinaus haben diese Daten aber auch eine wirtschaftliche Bedeutung. Sie ermöglichen die Weiterentwicklung von Produkten und Dienstleistungen und bilden häufig die Grundlage neuer Geschäftsmodelle. Private Anbieter beeinflussen zunehmend, welche Daten entstehen und zu welchem Zweck sie genutzt werden. Sie agieren dabei in einem Ökosystem, in dem Geschäftsmodelle, Finanzierungsmechanismen wie Venture Capital sowie technologische Bausteine eng verwoben sind. Das Bildungssystem ist gefordert, sich mit diesem Ökosystem auseinanderzusetzen, um es im Sinne der Bildung mitzugestalten. Dazu gehört auch, systemische Herausforderungen, wie beispielsweise hinsichtlich digitaler Souveränität (siehe auch Dossierbeitrag «Digitale Souveränität») sowie Cybersicherheit zu adressieren. Die Technologien können durch das Bildungssystem nicht nur einfach genutzt werden, sondern erfordern eine aktive Gestaltung dieses Ökosystems. Im Folgenden werden mögliche Handlungsansätze erläutert, um das Spannungsfeld zwischen den Werten des öffentlich-rechtlichen Bildungssystems und einem internationalen wirtschaftlichen sowie organisatorischen Ökosystem rund um Technologien zu adressieren.

Neue Governance-Formen in einem digitalen Bildungsraum

Dieses Ökosystem rund um Technologie folgt anderen Handlungslogiken, Regeln, Normen und Prozessen, welche sich aus den Interaktionen und Machtdynamiken zwischen diesen Akteuren entwickeln. Das stellt eine Herausforderung dar für das bis anhin stark öffentlich-rechtlich geprägte Bildungssystem. Neue Governance-Formen in einem digitalen Bildungsraum umfassen die aktive Auseinandersetzung mit diesem Ökosystem rund um Technologien sowie das Etablieren von neuen Rollen, Verantwortlichkeiten und Strukturen (siehe auch Bericht zur Entwicklung einer Datennutzungspolitik). Für die Bildung bedeutet dies einen Paradigmenwechsel in der Zusammenarbeit mit privaten Akteuren – weg von einer rein transaktionalen Käufer-Verkäufer-Beziehung hin zur gemeinsamen Gestaltung des wirtschaftlichen und organisatorischen Ökosystems rund um Technologien. Mögliche Instrumente dieser Governance sind Rahmenbedingungen, Infrastrukturelemente und innovative Beschaffungsmechanismen, welche im Folgenden erläutert werden. Sie ermöglichen es, das Potenzial digitaler Technologien nutzbar zu machen, systemische Herausforderungen anzugehen und gleichzeitig den Lernenden sowie den Werten und Vorgaben des öffentlich-rechtlichen Bildungssystems Gewicht zu verleihen.

Rahmenbedingungen für eine systemische, werteorientierte Innovation

Rahmenbedingungen geben Orientierung für systemische Innovation. Einen Beitrag für Rahmenbedingungen schaffen wir als Educa mit einem Kriterienkatalog, der als gemeinsamer Orientierungsrahmen für Innovation und Zusammenarbeit zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Akteuren dient. Gemeinsam mit Partnern aus verschiedenen Fachbereichen übersetzen wir die Werte des Bildungssystems – wie den Schutz der Integrität von Lernenden, Inklusion und Nachhaltigkeit – in konkrete Kriterien für die Zusammenarbeit. Diese Kriterien schaffen eine gemeinsame Sprache zwischen den privaten und öffentlich-rechtlichen Akteuren. Die Kriterien werden fortlaufend weiterentwickelt und orientieren sich an europäischen Entwicklungen. Auch internationale Beispiele zeigen, wie Werte der Bildung in Rahmenbedingungen übersetzt werden können. In Frankreich definiert die «Doctrine technique du numérique pour l'éducation» entsprechende Rahmenbedingungen. Finnland positioniert sich durch entsprechende Policies nicht nur als Leader einer nachhaltigen Digitalisierung der Bildung, sondern betrachtet EdTech auch als Exportprodukt. Ihre Wirkung entfalten Rahmenbedingungen, wenn sie gesetzlich eingefordert werden und somit Orientierung für private Akteure sowie private Investoren geben.

Infrastrukturelemente für einen digitalen Bildungsraum

Infrastrukturelemente tragen dazu bei, Rahmenbedingungen technisch umzusetzen und zu unterstützen. Ein schon etabliertes Infrastrukturelement im digitalen Bildungsraum ist Edulog. Edulog ist ein föderierter Identitätsdienst, der die digitalen Identitäten von Lernenden und Mitarbeitenden von Bildungseinrichtungen schützt. Weitere Infrastrukturelemente in der Bildung entstehen momentan international im KI-Bereich. Ein Beispiel ist das gemeinsame Projekt der nationalen Service-Provider für Bildung und Forschung CSC (Finnland) und Sikt (Norwegen). Das Projekt hat zum Ziel, Zugang zu KI-Lösungen zu ermöglichen, die auf gemeinsamen Werten wie Sicherheit, Datenschutz und den Anforderungen des Forschungs- und Bildungssektors basieren. Konkret baut die Kooperation eine operationelle Schicht ein, die sicherstellt, dass Bildungsdaten nicht für das weitere Training kommerzieller KI-Modelle verwendet werden. Zudem ermöglicht die Zusammenarbeit den Einsatz europäischer und nationaler Sprachmodelle, was die digitale Souveränität Europas unterstützt. Infrastrukturelemente können zu einer Innovation im Sinne der Bildung beitragen.

Innovative Beschaffungsformen und Fördermassnahmen

Als Hebel für Innovation, die den Werten und Vorgaben des Bildungssystems entspricht, können innovative und gemeinsame Beschaffungsformen dienen. Bisher wird Beschaffung jedoch noch selten als strategisches Instrument zur Förderung von Innovation eingesetzt (siehe Link). Beispiele dafür sind der Dialog (BöB Art.24), bei dem im Vorfeld der Leistungsgegenstand in Gesprächen konkretisiert werden kann, und das Pre-Commercial Procurement (PCP) im Kontext des European Innovation Act. Beim PCP entwickeln öffentliche und private Akteure neue Lösungen gemeinsam und teilen Entwicklungsrisiken sowie Kosten. Werte und Vorgaben des Bildungssystems können dadurch bereits während der Entwicklung berücksichtigt werden. Innovative Beschaffungsformen verändern dabei die Rolle des öffentlichen Sektors: Er tritt nicht nur als Nachfrager bestehender Lösungen auf, sondern kann gemeinsam mit Unternehmen neue Lösungen entwickeln und Innovationsprozesse aktiv mitgestalten. Auch in der Schweiz gibt es Beispiele für innovative Beschaffungsformen, etwa die Startup Challenge des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS). Ein Beispiel aus dem Bildungsbereich ist Frankreich. Frankreich entwickelt in einer Innovationspartnerschaft für künstliche Intelligenz (P2IA) gemeinsam mit privaten Akteuren Lösungen, die den Anforderungen an digitale Souveränität und Datensicherheit entsprechen. In Bereichen mit hoher gesellschaftlicher Relevanz, in denen die Anreize für private Innovation fehlen oder hohe Anfangsinvestitionen erforderlich sind, können ergänzend Förderinstrumente wie die Flagship-Initiative von Innosuisse zum Einsatz kommen.

Der digitale Bildungsraum als Gestaltungsaufgabe

Neue Governance-Formen, gemeinsame Rahmenbedingungen, Infrastrukturelemente sowie innovative Beschaffungsformen bilden mögliche Handlungsansätze für eine systemische und werteorientierte Innovation im digitalen Bildungsraum. Dadurch nutzt das öffentlich-rechtliche Bildungssystem digitale Technologien nicht nur, sondern gestaltet das Ökosystem um Technologien aktiv mit. Ein digitaler Bildungsraum, der den Schutz der Integrität von Lernenden, Inklusion, Nachhaltigkeit und das gesellschaftliche Interesse ins Zentrum stellt und systemische Herausforderungen als Ausgangspunkt für Innovation versteht, entsteht nicht von selbst. Er ist eine gemeinsame Gestaltungsaufgabe.