Das Marktvolumen des schweizerischen EdTech-Markts selbst ist zwar vergleichsweise klein, wächst aber markant. Schätzungen zufolge erwirtschaften im 2026 rund 200 Unternehmen mit etwa 5'000 Beschäftigten einen Umsatz von rund 1,2 Milliarden Franken; das jährliche Wachstum liegt mit 15% im zweistelligen Bereich.

Dieser Markt wird noch immer häufig als Markt für digitale Lehrmittel, Lernplattformen oder Software für die Schuladministration verstanden. Diese Perspektive greift heute jedoch zu kurz. Im Fokus stehen nicht mehr nur einzelne Anwendungen, sondern zunehmend IT-Infrastrukturen, die den digitalen Bildungsraum überhaupt erst ermöglichen.

Infrastrukturen orchestrieren vom geschützten Login über sichere Identitäten und Authentifizierung, Standards und Schnittstellen, Verzeichnis- und Berechtigungssysteme, die darauf aufbauenden Datenflüsse bis hin zu deren umfangreichen Auswertungen einen weitaus grösseren Funktionsumfang als Einzelanwendungen. Wer dieses Fundament bereitstellt, definiert letztlich die technischen und normativen Leitplanken für grosse Teile des Raums. Denn anders als einzelne Anwendungen sind solche Infrastrukturen nicht auf einen bestimmten Dienst beschränkt: Sie schaffen die Voraussetzungen dafür, dass einzelne Anwendungen miteinander verbunden, sicher genutzt und langfristig weiterentwickelt oder ausgetauscht werden können. Ein digitales Produkt lässt sich deshalb auch nicht unabhängig von seiner infrastrukturellen Einbettung beschaffen. Entscheidend ist nicht nur, was eine Anwendung leistet, sondern auch, wie sie sich in bestehende Infrastrukturen einfügt, welche Abhängigkeiten sie schafft und welche Möglichkeiten sie für Interoperabilität, Datennutzung und spätere Wechsel offenhält. Fehlt hier eine klare strategische Steuerung, begeben sich Bildungsakteure in starke Abhängigkeiten. Ein vermeintlich technischer Beschaffungsentscheid wird somit unweigerlich zu einer hochpolitischen Frage, bei der es letztlich um die langfristige Datensouveränität geht.

Datafizierung als stille Verschiebung der Steuerung

Der Einsatz digitaler Lehrmittel, Lernplattformen und Schulverwaltungssysteme erzeugt kontinuierlich Daten über Lernprozesse, Nutzungsmuster und administrative Abläufe. Diese Daten sind längst nicht mehr nur ein Nebenprodukt. Sie sind vielmehr zur Grundlage für Steuerung, Qualitätssicherung und Systemmonitoring geworden – und werden es immer stärker. Gleichzeitig haben sie für weitere Akteure an Bedeutung gewonnen: EdTech-Anbieter verwenden Nutzungs- und Prozessdaten, um ihre – meist kommerziellen – Angebote weiterzuentwickeln, zu optimieren und stärker auf die Bedürfnisse ihrer Kundinnen und Kunden auszurichten. Auch für die Nutzenden selbst können Daten einen unmittelbaren Mehrwert bieten, etwa indem sie Lernfortschritte sichtbar machen, individuelle Rückmeldungen ermöglichen, Lernangebote personalisieren oder Lehrpersonen bei der Planung und Auswertung von Lernprozessen unterstützen. Damit werden Daten zu einer zentralen Ressource im digitalen Bildungsraum – mit unterschiedlichen Interessen und Erwartungen an ihre Erhebung, Nutzung und Weitergabe.

Für die Schweiz ist diese zunehmende Datafizierung der Bildung besonders folgenreich. Das föderale Bildungssystem bringt eine Vielzahl unterschiedlicher und teilweise kleinteiliger Datennutzungskontexte hervor, in denen Daten zwischen verschiedenen Akteuren weitergegeben und mehrfach genutzt werden. Oftmals sind die Daten dabei weder interoperabel noch die Systeme von vornherein miteinander kompatibel. Digitale Lösungen entfalten ihre Wirkung erst dann vollständig, wenn sie über institutionelle und föderale Grenzen hinweg zusammengedacht und aufeinander bezogen werden, von den kommunalen Gegebenheiten über kantonale Strategien bis hin zu nationaler Koordination, gemeinsam genutzten Infrastrukturen und interoperablen Plattformen. Standardisierung, Interoperabilität und Datenhoheit werden so zu zentralen Fragen, die häufig in einem technischen Gewand erscheinen, letztlich aber politisch erarbeitet und entschieden werden müssen.

Infrastruktur wird Politik – und Marktstruktur

Die wachsende Bedeutung von Daten rückt die Infrastrukturen ins Zentrum. Infrastrukturentwicklung im Bildungsbereich ist in der Schweiz eng mit interkantonalen Koordinationsprozessen verbunden, die von Bund und Kantonen, den kantonalen Regionalkonferenzen und Fachagenturen wie Educa getragen werden. Sie vollzieht sich im Spannungsfeld zwischen den Beschaffungslogiken lokaler Kontexte auf der einen und internationalisierten Plattformangeboten auf der anderen Seite.

Gerade diese Konstellation macht Infrastruktur- und Integrationslösungen besonders relevant. Sie besetzen keine Nische, sondern werden zunehmend zu einer zentralen Voraussetzung für den digitalen Bildungsraum. Diese stellen keinen Nebenschauplatz dar, sondern bestimmen mit ihrem fundamentalen Charakter zentrale Elemente der gesamten Marktlogik.

Die Fragmentierung hat dabei System. Sie folgt der stark föderalen Organisation des Bildungssystems mit 26 kantonalen Zuständigkeiten, unterschiedlichen Digitalisierungsständen und variierenden Beschaffungsprozessen. Abgefedert wird sie durch ein Netz koordinierender Akteure: die EDK als politische Plattform der Kantone, Educa als operative Fachagentur, SWITCH mit einer vergleichbaren Funktion für den Hochschulbereich sowie Innovationsnetzwerke wie BeLEARN und den Swiss EdTech Collider.

So entsteht ein Governance-Modell, das weniger auf Hierarchie und deren Mechanismen zu Durchsetzung als auf Koordination, Standards und Vermittlung setzt.

Edulog: Infrastruktur als Ordnungsmoment

Ein anschauliches Beispiel für diese Entwicklung ist Edulog – zugleich zeigt sich daran exemplarisch, welche Bedeutung digitale Infrastrukturen für den Bildungsraum gewinnen können. Auf den ersten Blick handelt es sich um einen technischen Logindienst für Online-Dienste in Schule und Unterricht. Tatsächlich ist Edulog eine föderierte Identitäts- und Vertrauensinfrastruktur, die den Zugang zu digitalen Bildungsdiensten strukturiert und standardisiert. Damit steht Edulog beispielhaft für eine Entwicklung, bei der technische Infrastrukturen zunehmend auch Fragen von Standards, Interoperabilität und Governance prägen.

Was dies für kantonale Verwaltungen konkret bedeuten kann: Ein Kanton, der heute eine Lernplattform beschafft, trifft damit implizit auch Entscheidungen darüber, wie Identitäten und Daten künftig verwaltet und zwischen Systemen ausgetauscht werden. Wird die Plattform in eine gemeinsam genutzte Infrastruktur eingebunden, müssen bestimmte Standards für Identitätsverwaltung, Datenweitergabe und Interoperabilität berücksichtigt werden. Diese wirken über den einzelnen Beschaffungsentscheid hinaus und schaffen Anschlussfähigkeit an weitere Systeme und Akteure im Bildungsraum.

Digitale Infrastrukturen reduzieren jedoch nicht nur technische Komplexität. Sie können auch gemeinsame Regeln und Standards etablieren und dadurch die Bedingungen prägen, unter denen digitale Bildungsangebote zusammenspielen. Governance erfolgt dann nicht allein über einzelne Verträge oder administrative Verfahren, sondern zunehmend auch über Infrastrukturen und deren Standards. Idealerweise sind diese ausgerichtet an den Anforderungen und Interessen der öffentlichen Bildung.

Das ist entscheidend: Wer bestimmt, welche Dienste eingesetzt werden und unter welchen Bedingungen sie erreichbar sind, trifft bildungspolitische Entscheidungen. Im föderalen Kontext ist dabei besonders bedeutsam, dass Edulog die kantonale Vielfalt nicht ersetzt, sondern überspannt und miteinander verbindet. Kantonale Akteure behalten ihre formale Zuständigkeit, delegieren jedoch einen Teil der praktischen Umsetzung ihrer Gestaltungshoheit an eine gemeinsam getragene Infrastruktur.

Digitale Souveränität als politische Leitidee

Während viele internationale EdTech-Märkte stark von globalen Anbietern geprägt sind, wird die Sicherung digitaler Souveränität in der Schweiz zunehmend als öffentliche Aufgabe verstanden. Dabei geht es nicht nur um einfache Bedienbarkeit und Datenschutz im engeren Sinne, sondern um die Fähigkeit, Bildungsinfrastrukturen langfristig selbst gestalten zu können, mithin um Standards, Schnittstellen, Identitäten und Datenflüsse und damit letztlich um Infrastruktur selbst.

Die Beschaffung von Anwednungen und Plattformen ist deshalb im Bildungsbereich nicht als reine Investitionsfrage zu verstehen. Sie ist – explizit – ebenso als Governance- und Infrastrukturfrage zu diskutieren und zu entscheiden, die sich langfristige auf die Handlungsfähigkeit des gesamten Systems auswirkt.

Der Schweizer EdTech-Markt ist damit weniger als klassischer Technologiemarkt zu betrachten denn als infrastrukturell und politisch geprägtes Ökosystem zu verstehen. Seine Logik entsteht im Zusammenspiel von föderaler Bildungspolitik, intermediären Akteuren und datengetriebenen Infrastrukturen.

Die eigentliche Frage bei digitalen Beschaffungsentscheiden lautet deshalb nicht: Welches Produkt oder welche Plattform? Sondern: Wie behalten wir trotz des gewählten Produkts die Fähigkeit, morgen anders zu entscheiden?
 

Verwendete und weiterführende Literatur