Wer sich an einer Hochschule einschreibt, muss sein Maturitätszeugnis vorlegen. Auch an der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) gehört dieser Schritt zum Immatrikulationsprozess. Bevor die Immatrikulation definitiv ist, muss die Echtheit der Maturitätszeugnisse überprüft werden. Heute geschieht dies häufig über einen vergleichsweise aufwendigen Weg: Die Hochschule kontaktiert die zuständige kantonale Behörde und bittet um eine Bestätigung, dass die betreffende Person das Maturitätszeugnis tatsächlich erhalten hat. Dieser Prozess funktioniert, ist aber mit mehreren manuellen Schritten verbunden, sowohl auf Seiten der Hochschule als auch bei den kantonalen Behörden.
Digital verifizierbare Nachweise eröffnen hier neue Möglichkeiten. Wird ein Bildungsnachweis digital ausgestellt, kann dessen Echtheit automatisch und unmittelbar überprüft werden. Damit könnten bestehende Prozesse im Bildungssystem vereinfacht und effizienter gestaltet werden. Vor diesem Hintergrund wurde im Rahmen dieses Projekts ein Proof of Concept für digitale Maturitätszeugnisse entwickelt. Ziel war es, erstmals praktisch zu zeigen, wie ein solcher Nachweis im Bildungssystem funktionieren könnte. Mit dem Start der Public Beta Vertrauensinfrastruktur, worauf die schweizerische e-ID basieren soll, bot sich ein idealer Zeitpunkt, um erste praktische Erfahrungen im Bildungsbereich zu sammeln.
Digitale Maturitätszeugnisse können ihr volles Potenzial nur dann entfalten, wenn sie auf gemeinsamen Grundlagen beruhen. Dermassen standardisierte Zeugnisse würden die Anschlussfähigkeit zwischen Schulen, Behörden und Hochschulen gewährleisten und so eine reibungslose Nutzung im gesamten Bildungssystem ermöglichen. Nur wenn diese Nachweise einheitlich strukturiert sind, können Universitäten sie automatisiert prüfen und zuverlässig akzeptieren. So entsteht ein echter Mehrwert gegenüber heutigen Verfahren.
« Eine Einführung eines datenschutzkonformen, digitalen Maturitätszeugnisses wäre sehr erwünscht. Anmeldeprozesse für die Universitäten liessen sich so optimieren und der Aufwand für die Echtheitsüberprüfung würde automatisiert, was für alle Beteiligten ein Gewinn wäre. »
Patrick Langloh, Leiter Mittelschulen und Berufsbildung, Kanton Basel-Stadt; Vorsitzender AG Digitalisierung der Schweizerischen Mittelschulämterkonferenz (SMAK/CESFG)
Vor diesem Hintergrund wurde im Projekt ein Entwurf für ein standardisiertes Datenmodell eines digitalen Maturitätszeugnisses auf Basis der Maturitätsanerkennungsverordnung (MAV) erarbeitet. Dabei wurden bestehende eCH-Datenstandards berücksichtigt und die notwendigen Attribute für ein digitales Zeugnis definiert. Der resultierende Vorschlag wurde auf der Interoperabilitätsplattform I14Y des Bundes veröffentlicht und kann als Grundlage für zukünftige Standardisierungsarbeiten dienen.
Effizienzgewinne durch strukturierte Daten
Der Mehrwert digitaler Nachweise liegt vor allem darin, dass sie strukturierte Daten enthalten. Dadurch können Hochschulen beispielsweise die Angaben aus dem Maturitätszeugnis automatisch mit den Registrierungsdaten der Studienanwärterinnen und -anwärter vergleichen. Solche automatisierten Abgleiche reduzieren manuelle Arbeitsschritte und minimieren Fehlerquellen. Gleichzeitig sinkt der administrative Aufwand bei den kantonalen Behörden, da Bestätigungen gegenüber Hochschulen seltener notwendig werden. Insgesamt können digitale Nachweise dazu beitragen, bestehende Prozesse effizienter zu gestalten und Ressourcen im Bildungssystem gezielter einzusetzen.
« Ce projet est important, car il garantit la fiabilité des titres délivrés par nos écoles, en offrant une vérification sécurisée des certificats de maturité gymnasiale et en préservant ainsi la crédibilité de nos institutions éducatives. »
François Piccand, chef de service S2, canton de Fribourg; président de la Conférence suisse des services de l’enseignement secondaire II formation générale
Ein Baustein für den digitalen Bildungsraum
Durch die Vielzahl an Nachweisen im Bildungssystem haben digital verifizierbare Nachweise ein grosses Potenzial in der Bildung. Das Projekt steht im Kontext der Datennutzungspolitik für den digitalen Bildungsraum Schweiz. Digitale Identitäten und digitale Nachweise bilden eine wichtige Grundlage für eine selbstbestimmte und sichere Nutzung von Bildungsdaten und stellen eine wichtige Grundlage für das lebenslange Lernen und das Dokumentieren des eigenen Bildungsweges.
Der entwickelte Prototyp zeigt, dass digitale Maturitätszeugnisse technisch umsetzbar sind und reale Prozesse im Bildungssystem vereinfachen können. Für eine breite Anwendung sind jedoch weitere Schritte notwendig. Zum einen müssen die rechtlichen Grundlagen zum Einsatz digitaler Nachweise in der Bildung grundlegend geklärt werden. Ebenso entscheidend ist die Entwicklung eines national anerkannten Standards, um eine breite Akzeptanz sicherzustellen. Parallel dazu müssen Infrastrukturfragen frühzeitig und strategisch adressiert werden. Es ist davon auszugehen, dass die Bildung keine eigene Infrastruktur für die Ausstellung digitaler Nachweise betreiben möchte, sondern sich an sektorübergreifenden Lösungen beteiligt wird. Umso wichtiger ist es, die spezifischen Anforderungen des Bildungsbereichs von Beginn miteinzubeziehen.
Dank
Wir bedanken uns an dieser Stelle herzlich bei allen Projektpartnern für ihre engagierte Mitarbeit. Besonders danken wir dem Département de la sécurité, de la digitalisation et de la culture, Service informatique de l'Entité neuchâteloise, dem Lycée Denis-de-Rougemont, den Projektbeteiligten des Kantons Fribourg und den Verantwortlichen des Service Académique der EPFL für ihre wertvolle Unterstützung bei der Modellierung des Ausstellungsprozesses von Maturazeugnissen sowie des Einschreibeprozesses. Die technische Umsetzung des Prototyps wurde durch die Verwaltungslösung für Verifiable Credentials von Procivis ermöglicht. Unser Dank gilt zudem Switch für die konstruktive Zusammenarbeit während des gesamten Projekts. Abschliessend bedanken wir uns bei der Digitalen Verwaltung Schweiz für die Förderung des Projekts, das der Bildung ermöglicht, die Chancen digitaler Nachweise zu erkennen, ihre Funktionsweise praxisnah zu erproben und erste Erfahrungen zu sammeln.